Wie einer aus Gier nach dem Kleinen das Große verliert

Ich war bis gerade eben noch dabei, die nächste Themenwoche für euch vorzubereiten. Gerade bei der Woche zur chinesischen Musik habe ich nämlich festgestellt, dass es richtig viel Spaß macht, Beiträge gebündelt zu einem Thema zusammenzustellen, statt sie mit der Zeit hinweg einzustreuen. So hat man gleich einen viel besseren Vergleich und kann sich auch leichter unter den Beiträgen aufeinander beziehen. Also: Bald gibt es schon die nächste Woche für euch. 😉

Heute ist es mal aber erstmal wieder Zeit für ein Märchen aus Richard Wilhelms „Chinesische Märchen“: „Wie einer aus Gier nach dem Kleinen das Große verliert“. Ein Märchen, das ich auf eine Art ziemlich verstörend und auf andere Art sehr tiefsinnig finde. Aber lest selbst:

 

Zum Inhalt

Eine Frau hat zwei Söhne, von denen einer ausgezogen war, während der andere sich um sie kümmerte. Ihr guter Sohn wollte sie eines Tages in die Stadt zum Theater bringen, musste dabei aber eine Schlucht überqueren. Dort rutschte er ab, was seine Mutter leider das Leben kostete. Glücklicherweise kam gerade ein Priester vorbei, der alle Überreste aufsammelt und wieder zusammensetzte.
Ihr Sohn stellte allerdings fest, dass der Priester ein Stück übersehen hatte, und hob es auf. Der Priester, der dies als Zeichen dafür sah, dass der Junge seine Mutter sehr liebte, formte daraus ein kleines Männchen, das ihn fortan unterstützen sollte. Passenderweise bekam dieser den Namen „der kleine Vorteil“.

Für jeden, der in seinem Leben schon ein paar Märchen gelesen hat, ist es vermutlich keine Überraschung, dass sein Bruder, nachdem er die Geschichte gehört hatte, ebenfalls einen Vorteil haben wollte. Er wiederholte also die Geschichte, machte sich sogar die Mühe ein Stück von den Überresten seiner Mutter zu verstecken und es anschließend dem Priester zu zeigen. Der Priester machte auch daraus ein Männchen und gab ihm dieses mal den Namen „die große Pflicht“.

Leider hatte der Sohn mit der großen Pflicht weniger Glück als sein Bruder: Als er seine Mutter und das Männchen nämlich nach Hause brachte, begegneten sie seinem Bruder mit dem kleinen Vorteil. Der erzählte ihnen, dass der kleine Vorteil gern nach Hause in den Himmel möchte ( 😀 ) und er ihn deshalb fortbrachte.
Der Sohn mit der großen Pflicht bat ihn, ihm den kleinen Vorteil zu überlassen. Dummerweise machte sich der kleine Vorteil aber gerade da zurück in den Himmel auf und nahm die große Pflicht gleich mit.

 

Meine Meinung

„Wie einer aus Gier nach dem Kleinen das Große verliert“ ist kein Märchen, das seine Handlung sonderlich wortreich ausschmückt. Trotzdem war es mir beim Lesen nicht so ganz geheuer. Dass ein Mann auf seinen bruder neidisch wird und versucht, dessen Taten zu wiederholen, um ebenfalls einen Vorteil zu bekommen, den er sich selbst eigentlich nicht verdient hat, ist nichts Neues. Dass es tatsächlich jemand in einem dieser Märchen fertig bringt, einen tödlichen Unfall in voller Absicht nachzustellen und damit seine Mutter umzubringen, kam für mich dann aber doch als schaurige Überraschung daher. 🙈
Allein die Vorstellung, was passiert wäre, wenn nicht durch Zufall wieder der Priester aufgetaucht wäre, hat mir doch ein merkwürdiges Gefühl beschert.

Was mir an dem Märchen aber trotzdem gut gefallen hat, waren die beiden Männchen, die der Priester erschaffen hat. Mal ganz abgesehen von der Idee, auch aus etwas, das früher übersehen wurde, etwas Gutes zu schaffen, fand ich gerade die Namensgebung interessant.
Der kleine Vorteil ist eine Art „aus der Not eine Tugend gemacht“: Trotz des Unfalls bekommt er trotzdem noch einen Vorteil, der in Wahrheit gar nicht so klein ist. Sein Bruder hingegen bekommt die „große Pflicht“, obwohl sein Männchen sicher nicht viel größer ist als das seines Bruders. Grundsätzlich würde ich das als Hinweis darauf verstehen, dass er mit seinem verhalten (auch schon vor dem „Unfall“) seine Pflicht gegenüber seiner Mutter nicht erfüllt hat und dadurch daran erinnert werden muss bzw. der Priester ein Männchen erschafft, das ihm diese ihm so lästige Pflicht abnehmen könnte. Von ihren Fähigkeiten her scheinen sich der Vorteil und die Pflicht allerdings nicht zu unterscheiden, auch wenn man die große Pflicht in diesem Märchen nicht in Aktion erlebt.
Gerade das finde ich auch erstaunlich: Sowohl der Vorteil als auch die Pflicht verabschieden sich am Ende. Da ein Vorteil erst erarbeitet werden muss, so wie ich es interpretieren würde, finde ich es ganz logisch, dass dieser verschwindet. Aber wie steht es dann mit der Pflicht? Ich denke, auch hier könnte man das Verschwinden als Erinnerung sehen und vielleicht auch als Mahnung: Deine Pflicht musst du schon selbst erfüllen.

Dass der zweite Bruder am Ende auch noch erkennt, dass er seine große Pflicht verloren hat, weil er auch noch den kleinen Vorteil wollte, finde ich übrigens auch schön. In vielen Märchen bleibt die Erkenntnis für die nicht so tugendhafte Figur aus und es endet mit einer Strafe oder sogar mit dem Tod. Hier hingegen gibt es eine Chance auf Besserung, die ich persönlich für eine nette Abwechslung halte.

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